Studentenrevolte 1968 ("Michel schlägt zurück", S.28 ff.)
Leseprobe:
Eigentlich begann alles mit der Studentenrevolte, damals 1968
„Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll“
( Nietzsche, Also sprach Zarathustra )
Georg Deutscher, genannt Schorse (nicht verwandt oder verschwägert mit Drafi Deutscher), ein aufstrebender Stern am
Intellektuellenhimmel, kam 1968 an die Universität und trug zunächst dem Zeitgeist Rechnung. Von allen Seiten wurde er
aufgefordert: „Make love, not war“, was ihm sehr sympathisch war und seinen Neigungen durchaus entgegen kam. Also machte er love
und das klang ja auch viel besser als „rumvögeln“ und hatte zugleich die höheren Weihen pazifistischen Protestes.
....
Als Student verstärkte er im Bett seine Bemühungen um die Erhaltung des Friedens. Aber gleichzeitig machte er das, wozu die
Universität eigentlich da ist: er studierte.
Das war nicht so selbstverständlich wie es zunächst scheint, denn um diese Zeit fing es in der „Bonner Republik“ (BR) an zu brodeln.
„BRD“ durfte man nicht sagen, weil die in der DDR das immer sagten. Die Sprachregler und Mundverbieter beiderseits des Eisernen Vorhanges, die nach dem Fiasko des Dritten Reiches für eine Weile untergetaucht waren, tauchten wieder auf. Überall witterten sie ideologischen Unrat und schrieben diesseits und jenseits des Eisernen Vorhanges vor, welche Worte der jeweiligen „political correctness“ entsprachen.
Die Unruhe der Bonner Republik begann an den Universitäten. Eine große Koalition aus SPD und CDU sollte die ersten
wirtschaftlichen Probleme beheben, denn Deutschland hatte – oh Schreck - ein Haushaltsdefizit. Freilich bewegten sich diese Schulden
des Staates in einer Größenordnung, auf die Hamburg - Harburg heute stolz wäre.
Anlässlich des Schah – Besuches 1967 begann die heiße Phase der Studentenunruhen. Benno Ohnesorg wurde erschossen und die Bewegung hatte ihren Märtyrer. Bewegungen brauchen diese Märtyrer, ob sie denn bei dem Marsch auf die Feldherrnhalle umkommen oder auf einer Anti- Schah – Demonstration. Märtyrer geben Schubkraft, schaffen Identifikation und müssen deswegen im Bewusstsein der Anhänger gehegt und gepflegt werden. Der Tod der Märtyrer darf nicht umsonst gewesen sein!
Und so begannen bald die Straßenschlachten, die in bürgerkriegsähnliche Zustände einmündeten.
Werner Wendehals ( nicht verwandt oder verschwägert mit Gottlieb Wendehals ) war der klassische Protagonist der Studentenrevolte.
.....Er war von den Windeln an ungeeignet für Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Seine streng religiöse Erziehung hatte ihm ein fest gefügtes Weltbild eingepflanzt, in dem Zweifel und kritisches Nachdenken Frevel waren. Werner
liebte diese festen Denkstrukturen, die ihm Verhaltenssicherheit gaben, und er liebte jene festen Rituale seiner religiösen Übungen, die ihm durch ihre stetige Wiederkehr das Herz wärmten. Er wähnte sich auf der sicheren Seite, auch was die Zukunftschancen nach seinem Tode anging. Ein bisschen belastend waren nur die Schuldgefühle, die ihn besonders nach dem Onanieren um den Schlaf
brachten. Auch deswegen, weil er dieses Vergehen dem „Großen Bruder“ in der Beichte berichten musste. Aber danach ging es ihm immer kurzfristig besser.
Als Werner Wendehals an die Universität kam, konnte er noch eine Weile an seinem Weltbild festhalten, aber um ihn rum war es einsam, weil er kaum Gesinnungsgenossen hatte. Dabei brauchte Werner Gesinnungsgenossen immer ganz dringend, damit er sich nicht so klein fühlte. So war es kein Wunder, dass er von einer noch viel größeren Erleuchtung als der Religion heimgesucht wurde: dem Marxismus – Leninismus. Was für eine wunderbare neue Welt tat sich vor ihm auf. Da waren plötzlich Prediger, die versprachen Erlösung von allen Übeln nicht erst im Jenseits, sondern schon im Diesseits. Werner war begeistert, vor allem, weil er die dogmatischen
Denkstrukturen beibehalten konnte, nur die Inhalte waren ein wenig variiert. ......
Er fürchtete das Zwielicht des Realismus und flüchtete sich gerne in die Helle einer Zukunftsvision. Da war wieder alles einfach und klar. Dagegen bereiteten ihm zweifelnde Skepsis und infragestellende Distanz Unbehagen. Er brauchte die Nestwärme eines Glaubens und die Sicherheit, sich auf dem einzig richtigen Weg zu befinden.....
In Werners Kommune wurde leidenschaftlich über die freie Liebe diskutiert, aber im Endeffekt ließen die Damen Werner doch nicht ran. Er war ihnen zu schmuddelig. In der freien Liebe liebt man noch lange nicht jeden Freier. Aber das machte ihm nicht viel aus, weil er stattdessen ein schönes Pfeifchen Hasch rauchen konnte.
Werner Wendehals fühlte sich wohl. Seine neue Welt ließ sich wieder so schön einteilen in Gute und Böse, in Freunde und Feinde.
Gemeinsam untergehakt auf Straßenschienen zu sitzen, das vermittelte ihm ein noch größeres Gefühl von Identität als es das Rumsitzen auf harten Kirchenbänken getan hatte. Und dann erst die Gefühle, wenn man gemeinsam gegen Wasserwerfer anrennen konnte, von der Ausschüttung von Glückshormonen ganz zu schweigen, die das Werfen von Pflastersteinen bei ihm hervorrief.....
Auszug aus "Michel schlägt zurück", S. 23 ff.
