Leseprobe 2.Fäden
Textauszug, S. 51-53
"Professor Heinrich Ömmel, ehemals EU-Abgeordneter, hatte seinen Vortrag im Innenministerium beendet.
„Soweit die wirklichen Zahlen,“ sagte er abschließend mit sorgenvoller Miene.
Der Innenminister Kriegmann sah erschreckt auf:
„Um Gottes willen, diese Zahlen können wir doch so nicht veröffentlichen! Da sägen wir uns ja den Ast ab, auf dem wir sitzen! Mit diesen ehrlichen Zahlen kann ich noch nicht einmal vor meine Parteifreunde treten!“
„Das sehe ich genauso“, pflichtete Professor Ömmel bei.
„Was schlägst du vor?“ Der Minister wirkte ängstlich und irritiert.
Professor Ömmel straffte sich, um Entschlossenheit und Souveränität anzudeuten:
„Ich schlage eine Doppelstrategie vor: Als erstes werde ich die widrigen Zahlen einer Schönheitskur unterziehen. Hier ein bisschen frisiert, dort ein flottes Make-up, hier was hinzufügen, dort was weglassen, was meinst du, wie bildschön die Ergebnisse dann erscheinen. Die werden sich sehen lassen können; und den Jubel in der beschränkten Öffentlichkeit wehren wir bescheiden ab!“
Der Innenminister war sichtlich beeindruckt: „Das ist gut. Der bewährte Grundsatz: ,Stifte Verwirrung unter denen, die du beherrschen willst‘. Haha! Und als zweites?“
Heinrich Ömmel setzte sich erneut in Positur:
„Als zweites verstärken wir den Aufbau eines Feindbildes. Wir brauchen eine Gruppe von Menschen, die man ausgrenzen kann aus unserer Gemeinschaft. Die man zu Menschen zweiter Klasse stempelt. Oder gar zu Verbrechern, bloß weil sie anders sind. Auf die man einhauen kann, ohne die geringsten humanitären Bedenken zu haben.“
"Du meinst doch nicht etwa die Juden?"
„Um Gottes willen, nein! Wir nehmen die Neonazis. Die eignen sich dafür ganz ausgezeichnet. Ein versprengtes Häuflein von Ewiggestrigen, die gerne auf sich aufmerksam machen wollen.“
„Aber das sind doch so wenige“, wand der Innenminister ein.
„Richtig, aber das macht nichts. Wir füllen deren lichte Reihen mit ein paar Leuten vom Verfassungsschutz auf! Dann können wir den Laden auch besser unter Kontrolle halten!“
Der Innenminister wirkte erleichtert:
„Das ist gut. Das ist wirklich gut. Futter für die gutwilligen Idioten. Futter für die Kirchgänger und Gewerkschaftsfuzzis, die immer gegen irgendwas demonstrieren müssen, um sich gut zu fühlen. Futter für die, die immer in der Herde laufen und dabei nicht merken, dass sie nur hinter Ärschen herlaufen. Wir verstärken den Kampf gegen Rechts!! Die linken Arschlöcher, die keinen Deut besser sind, stehen schon bereit zur Schlacht. Die werden aufjubeln, dass man sie als Verbündete braucht und auf diese Weise ihre gesellschaftliche Akzeptanz befördert. Damit können wir auch bei den verstörten Ossis ein wenig punkten, die haben sich doch früher schon dauernd an irgendwelchen Solidaritätskundgebungen gewärmt. Sammeln für Chile, haha. Und für Kuba!“
Der Minister hatte sich in Form geredet. Seit er gehört hatte, mit welchen Unflätigkeiten Präsident Nixon im Oval Office um sich geworfen hatte, hielt es Kriegmann für ein Vorrecht der Mächtigen, dauernd Scheiße zu schreien oder Arschloch zu sagen. Ganz abgesehen davon, dass diese Terminologie seinen homosexuellen Neigungen entgegen kam.
Die Verachtung gegenüber den wohlmeinenden Demonstranten sprach dabei aus jedem Wort.
„Und dann öffnen wir die Fleischtöpfe. Wir öffnen den Geldhahn für all die linken Spinner, die gegen die rechten Spinner kämpfen. An diesen staatlichen Zuwendungen fressen sich ohnehin schon Unzählige gesund. Wir halten die Beschäftigungsindustrie für die Eiferer am Laufen und lenken von den eigentlichen Problemen ab.“
„Scheiß auf den Steuerzahler, scheiß auf das Geld. Es gilt Größeres sicherzustellen: Unsere Karriere und unsere Macht. Also, Heinrich, gehen wir ans Werk! Was die Bankster können, können wir schon lange!“
Professor Heinrich Ömmel verabschiedete sich von Kriegmann und begann mit der Frisur der Daten. Der Innenminister Benedikt Kriegmann verabschiedete sich vom Rechtsstaat, wenn er überhaupt je bei ihm gewesen war."
Noch eine Leseprobe? Na gut, aber dann sollten Sie sich zu einem Kauf entscheiden....