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Leseprobe.3.Fäden

Textauszug S. 80-81

"Auch Jasmin Ömmel las am Donnerstagmorgen die Tageszeitung und nahm interessiert zur Kenntnis, welche Aufmerksamkeit „ihr“ Fall in der Öffentlichkeit erregte. Sie war allerdings ein bisschen verärgert, dass man sie als Augenzeugin in dieser Angelegenheit noch nicht interviewt hatte. Sie machte sich ein paar Gedanken, was sie alles gesehen haben könnte und rief dann in der Redaktion ihres Heimatblattes an, ob nicht mal jemand zu ihr kommen könne, sie hätte da eine Beobachtung gemacht. Eigentlich hatte sie Quiesling vom BOULEVARD anrufen wollen, fand aber auf die Schnelle seine Karte nicht.
Der Redakteur der Tageszeitung war in weniger als einer halben Stunde bei ihr. Vor allem die Ankündigung Jasmins, dass sie diese Aussage gegenüber der Polizei bisher noch nicht gemacht habe, beflügelte den Journalisten.
Jasmin hatte gerade noch Zeit gefunden, sich klatschspaltengerecht aufzubrezeln. Schließlich ging sie davon aus, dass man auch ein Foto von ihr machen würde. Sie hatte überlegt, ob sie ganz auf Trauer machen solle oder in Empörung. Sie hatte sich für Trauer entschieden und das hochgeschlossene Schwarze angezogen.
Es klingelte an der Haustür, der Zeitungsmensch stand vor ihr. Ein zerknautschter Vollbärtiger im fortgeschrittenen Alter, Karl Marx nicht unähnlich. Ihm standen das Kettenrauchen und der Cognackonsum ins Gesicht geschrieben, soweit man vom Gesicht noch was sah.
Jasmin führte ihn ins Kaminzimmer und zeigte ihm die Stelle, wo sie ihren geliebten Gatten vorgefunden habe, und ging dann mit dem Redakteur in die Küche.
„Ein Gläschen Champagner?“
„Gerne.“
Man rauchte erst einmal in Ruhe.
Dann schilderte sie, wie sie an jenem Montagabend das Haus verlassen habe und wie sie zurückgekehrt sei. Die Zwischenzeitbeschäftigung ließ sie aus. Dann holte sie zur großen Neuigkeit aus:
Als sie mit ihrem Wagen so gegen elf die Straße hochgefahren sei, habe sie kurz vor der Hauseinfahrt einen jungen Mann mit Glatze und mit Springerstiefeln gesehen. Der sei weggelaufen. Und eine schwarze Lederjacke habe er auch angehabt.
Der Journalist war ganz aufgeregt. Er rauchte nicht mal die gerade angezündete zweite Zigarette zu Ende und verabschiedete sich im Eiltempo. Nur den Champagner trank er noch aus.
Leider machte er kein Foto.
An der Tür besann er sich noch einmal und kehrte um. Er zog einen Hunderter aus seiner Brieftasche und gab ihn Jasmin.
„Können Sie diese Aussage vorerst für sich behalten, damit wir die Nachricht exklusiv haben?“
Sie zögerte kurz.
„Für zweihundert ginge das!“
Die kümmerliche Kopie von Karl Marx griff noch einmal in die Brieftasche und gab ihr einen zweiten Schein."